Markt für die Inhouse-Sanierung ist 47,5 Mio. Gebäude groß Teil 2: Praxisbeispiel Finnland - Von der Planung bis zur Bauabnahme…

Die Sanierung von Abwasserleitungen innerhalb von Gebäuden wie z.B. Fallleitungen (Inhouse-Sanierung) ist in Skandinavien seit vielen Jahren ein absolutes Standardgeschäft. In weit über 50 Dienstleistungsunternehmen arbeiten über 1.000 Mitarbeiter tagtäglich an der Sanierung von ganzen Entwässerungsnetzen innerhalb von Gebäuden. Wie die elektrische Haustechnik in Deutschland, werden Abwasserleitungen in festen Zeitintervallen – nach Ablauf einer betriebsüblichen Nutzungsdauer – vollständig renoviert. Zum Einsatz kommt sehr häufig das Schlauchliningverfahren. Für Nennweiten kleiner DN 50 wird auf das Spray-Verfahren zurückgegriffen. Für einen erfolgreichen Bauablauf der häufig sehr komplexen Maßnahmen, d.h. insbesondere möglichst wenig Störungen für die Bewohner der Immobilien, sind die Planung und die Organisation der Schlüssel zum Erfolg. Denn saniert wird in der Regel in bewohnten Wohnräumen (s. Bild 1).

Sanierung in bewohnten Räumen ©Picote
Bild 1: Sanierung in bewohnten Räumen ©Picote

Von der Planung bis zu Bauabnahme ...

Bestand-Pläne zum Entwässerungssystem eines 7-geschössigen Wohnhauses in Helsinki
Bestand-Pläne zum Entwässerungssystem eines 7-geschössigen Wohnhauses in Helsinki

Die Fa. Picote Service Oy Ltd. aus Porvoo in Finnland saniert bereits seit über 10 Jahren Abwasserleitungen innerhalb von Gebäuden. Somit liegen umfangreiche Erfahrungswerte bei der Planung, Organisation und Durchführung der Sanierungsmaßnahmen vor.

Der Ablauf zur Planung und gleichzeitig zur Kalkulation einer Maßnahme läuft grundsätzlich nach einem vergleichbaren Schema ab. Grundlage für die Planung und Kalkulation sind in der Regel vorhandene Bestandspläne (s. Bild 2). Anders als im Tiefbau bekannt, stimmen diese Pläne häufig mit der Bauausführung weitestgehend überein. Unstimmigkeiten und ein Abgleich der Pläne werden in der Regel vor Angebotsabgabe im Rahmen einer Ortsbegehung geprüft bzw. durchgeführt. Auf eine komplette Inspektion des Entwässerungssystems vor Angebotsabgabe wird in den meisten Fällen verzichtet, da für die Planung und Kalkulation in der Regel die Bestandspläne, die Ortsbegehung sowie insbesondere die Erfahrungswerte aus vergleichbaren Sanierungen aus den letzten 10 Jahren sehr gut ausreichen. Der Verzicht auf die komplette Zustandserfassung vor Angebotsabgabe bedeutet eine deutliche Effizienzsteigerung, da eine derartige Inspektion sowieso direkt vor der Sanierung durchgeführt und somit Doppelarbeit vermieden wird.

Wichtige Einflussgrößen für die Planung und Kalkulation sind:

  • Anzahl der Wohnungen im Gebäude
  • Anzahl der Etagen im Haus
  • Anzahl der Fallleitungen
  • Anzahl der Abzweige und Anschlüsse
  • Länge der Entwässerungsleitungen (Fallleitungen, Anschlussleitungen)
  • Größe der Gesamtmaßnahme (erforderliche Anzahl Techniker, Projektmanager vor Ort)
  • Personalkosten
  • Distanz zum Einsatzort
  • Ergänzende Aufbruch- und Stemmarbeiten bei Bedarf
  • Sanitärtechnische Arbeiten erforderlich
  • usw.
Bestand-Pläne zum Entwässerungssystem eines 7-geschössigen Wohnhauses in Helsinki

Die Durchmesser der Leitungen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle, da diese sich erfahrungsgemäß für horizontale Anschlussleitungen zwischen DN 50 und DN 70 und für vertikale Fallleitungen zwischen DN 100 und DN 150 bewegen. In einigen Fällen sind bei komplexen Leitungsverläufen lokale Stemm- und Aufbrucharbeiten erforderlich. Diese werden ebenfalls – soweit möglich – bereits in der Planungsphase berücksichtigt.

Die Ablaufplanung sowie die Vorbereitung und Organisation sind sehr wichtig für einen reibungslosen Bauablauf. Im Vorfeld wird u.a. genau festgelegt, wie und wo angefangen wird, welche und wie viele Leitungen am Tag saniert werden und wann die Baumaßnahme beendet wird (vgl. Bild 3 und Bild 3a).

Ablaufplanung, Vorbereitung und Organisation der Inhouse-Sanierung
Bild 3: Ablaufplanung, Vorbereitung und Organisation der Inhouse-Sanierung
Ablaufplanung, Vorbereitung und Organisation der Inhouse-Sanierung
Bild 3a: Ablaufplanung, Vorbereitung und Organisation der Inhouse-Sanierung

Der Bauablauf erfolgt in der Regel in acht Stufen:

Bild 4: Baucontainer mit technischem Equipment auf der Baustelle in Helsinki-Pehlajesto

Schritt 1: Arbeitsvorbereitungen

Sämtliche benötigten Materialien und das technische Equipment werden zur Baustelle transportiert. Bei größeren Maßnahmen wird hierzu ein Baucontainer eingerichtet. Größere Maßnahmen sind in der Regel mehrgeschossige Mehrfamilienhäuser mit 15 bis über 60 Wohneinheiten. Im Baucontainer sind die benötigten Materialien eingelagert. Zudem können sich die betroffenen Bewohner hier während der Bauzeit bei den zuständigen Ansprechpartnern u.a. über den Baufortschritt informieren (s. Bild 4).

Bevor die Hausflure und Wohnungen abgedeckt werden, werden vorherige Schäden und Auffälligkeiten zur Beweissicherung fotografisch festgehalten. Danach werden die Räume zum Schutz u.a. mit Pappe bzw. Schutzpapier komplett abgedeckt. Im Anschluss werden sämtliche Entwässerungsgegenstände außer Betrieb genommen, abgedeckt und die Zugänglichkeiten für Reinigung, Inspektion und Sanierung freigemacht (s. Bild 5).

 

 

Abdecken des Hausflures und Abmontieren der Entwässerungsgegenstände
Bild 5: Abdecken des Hausflures und Abmontieren der Entwässerungsgegenstände

Schritt 2: Reinigung des Entwässerungssystems

Für die Reinigung der Leitungen werden je nach Werkstoff und Zustand verschiedene Tools eingesetzt. Bei den in der Vergangenheit häufig verlegten Gussleitungen werden beispielsweise Ketten und die Hochdruckspülung verwendet. Bei Kunststoffleitungen wie z.B. PVC werden schonende Tools verwendet. Die Reinigungsarbeiten erfolgen in der Regel von den unteren Geschossen hoch zu den oberen Geschossen, damit die tiefer liegenden Leitungen nicht durch herausgespülte Sedimente blockiert werden.

Um Verstopfungen im Hausanschlusskanal zu vermeiden, werden die Leitungen im Kellerbereich gekappt und die Abwässer während der Reinigung in große Fässer eingeleitet (s. Bild 6 & 6a). Die Feststoffe setzen sich unten im Behälter ab und das Abwasser oberhalb wird weiter Richtung Anschlusskanal gepumpt.

Schritt 3: TV-Inspektion

Im nächsten Schritt werden sämtliche Leitungen mittels TV-Inspektion befahren. Dabei werden die tatsächlichen Durchmesser der Leitungen, die Leitungslängen und die Anzahl sowie Positionen der Zuläufe und Abzweige bestimmt. Darüber hinaus dient die TV-Inspektion dazu, mögliche Besonderheiten wie z.B. starke Verwinkelungen, nicht sanierbare Schäden und Abzweige zu erfassen, so dass für diese Spezialfälle direkt Lösungsmöglichkeiten geplant werden können (u.a. Stemm- und Aufbrucharbeiten).

 

Schritt 4: Sanierung und Öffnen der Abzweige und Zuläufe

Damit der Bauablauf optimiert wird, werden vor dem Linereinbau bereits die Schlauchliner im Werk in Porvoo abgelängt und vorbereitet (s. Bild 7).

Die Sanierung startet grundsätzlich mit den Fallleitungen vom Dach bis zum Keller (s. Bild 8). Die Liner werden inversiert, unter Druckluft beaufschlagt und anschließend mit einem Druckdeckel verschlossen. Die Aushärtung erfolgt in der Regel unter Umgebungstemperatur. Hierzu wird die Druckluft über Nacht im Liner belassen. Ein eigens konstruiertes Überwachungsgerät misst permanent den Luftdruck. Das Überwachungsgerät ist mit einer App an ein Smartphone der ausführenden Kolonne gekoppelt, so dass bei Meldung ein Mitarbeiter vor Ort die Störung schnell lokalisieren und beheben kann.

 

 

Auffangen der Feststoffe beim Reinigen der Entwässerungssysteme
Bild 6: Auffangen der Feststoffe beim Reinigen der Entwässerungssysteme
Auffangen der Feststoffe beim Reinigen der Entwässerungssysteme
Bild 6a: Auffangen der Feststoffe beim Reinigen der Entwässerungssysteme
Vorab abgelängte Schlauchliner für die Baumaßnahme
Bild 7: Vorab abgelängte Schlauchliner für die Baumaßnahme
BRAWOLINER-Inversion einer Fallleitung vom Dach in den Keller
Bild 8: BRAWOLINER-Inversion einer Fallleitung vom Dach in den Keller

Am nächsten Tag werden die Abzweige und Zuläufe geöffnet. Diese werden standardmäßig zulaufseitig mit dem Vortex-Cutter zunächst mit einem Bohrkopf aufgefräst und in einem zweiten Arbeitsgang mit Schleifpanels plangefräst. Ein erfahrener Techniker ist je nach örtlichen Gegebenheiten in der Lage, innerhalb einer Stunde mehrere Zuläufe und Abzweige aufzufräsen. Je nach Werkstoff der Altleitung stehen verschiedene Tools hierfür zu Verfügung. Bei Mehrfamilienhäusern mit mehr als 25 Wohneinheiten sind häufig mehrere hundert Zuläufe und Abzweige zu öffnen.

Im nächsten Arbeitsschritt werden die horizontalen Anschlussleitungen saniert. Dabei werden zunächst die horizontalen Leitungen zur Fallleitung und dann – falls vorhanden – die noch kleineren horizontalen Leitungen der Entwässerungsgegenstände saniert. Die Liner-Inversion in den kleinen Seitenleitungen erfolgt auf Picote-Baustellen mit einer eigens entwickelten „Linerkanone“ im Openend-Verfahren (s. Bild 9). Die Linerenden sind mit einer speziell entwickelten Kappe vorgeklebt, die nach vollständiger Aushärtung mittels eines Halteseils gezogen wird.

Liner-Inversion im Nennweitenbereich DN 50 bis DN 70 mit einer „Linerkanone“
Bild 9: Liner-Inversion im Nennweitenbereich DN 50 bis DN 70 mit einer „Linerkanone“

Für den Übergang bzw. die Anbindung oder Sanierung der Abzweige und Zuläufe werden prinzipiell drei verschiedene Möglichkeiten angewendet (s. Bild 10):

  1.  überlappender Einbau
  2. plangefräster Übergang und
  3. Verwendung einer BRAWOLINER-Anschlussmanschette
Möglichkeiten zur Einbindung von Anschlüssen und Abzweigen
Bild 10: Möglichkeiten zur Einbindung von Anschlüssen und Abzweigen

Sind an den seitlichen Anschlussleitungen weitere Anschlüsse und Anschlussleitungen angeschlossen, wiederholen sich die oben beschriebenen Prozesse. Mit guter Vorbereitung und Organisation ist die Fa. Picote in der Lage mehr als 40 Liner am Tag einzubauen.

 

Schritt 5: Wiederherstellen der Anschlüsse für Entwässerungsgegenstände

Nach Abschluss der Sanierung werden die Entwässerungsgegenstände wieder angeschlossen. Zum Anschluss an die sanierten Leitungen verwendet die Fa. Picote einen eigens entwickelten Verschluss, der mit Epoxidharz am System angeschlossen wird (s. Bild 11).

Anschluss der Entwässerungsgegenstände mit einem speziell entwickelten Verschluss
Bild 11: Anschluss der Entwässerungsgegenstände mit einem speziell entwickelten Verschluss

Schritt 6: Abschluss der Arbeiten in den Wohnungen / Apartments

Nachdem das gesamte Leitungsnetz saniert ist und die Entwässerungsgegenstände wieder angeschlossen sind, wird die Baustelle aufgeräumt und die Bewohner können die Entwässerung wieder in Betrieb nehmen.

 

Schritt 7: Sanierung des Hausanschlusskanals

Auch die Hausanschluss- und Grundleitungen werden sozusagen als Nebengeschäft mit saniert. Diese spielen von der Länge her und von der technischen Umsetzbarkeit der Sanierung im Vergleich zu den Leitungen innerhalb der Gebäude im Rahmen einer gesamten Maßnahme nur eine untergeordnete Rolle.

 

Schritt 8: Bauabnahme und Qualitätssicherung

Zum Abschluss erfolgt die Bauabnahme und Qualitätssicherung. Sämtliche sanierten Leitungen werden mittels TV-Inspektion befahren und die Videos dem Auftraggeber übergeben.

Bauzeiten in der Regel zwischen 1 bis 2 Wochen

Mit dem beschriebenen Bauablauf sind Sanierungen von mehrgeschossigen Mehrfamilienhäusern in der Regel in sehr kurzer Zeit abgeschlossen. Bei der Baumaßnahme in Helsinki-Pehlajesto beispielsweise, bei der im sanierten Wohnhaus 42 Wohnungen vorhanden sind, betrug die reine Bauzeit 2 Wochen. In diesen Zeitraum waren die Entwässerungsgegenstände außer Betrieb genommen. Für weniger komplexe Mehrfamilienhäuser wird in der Regel eine Woche reine Bauzeit benötigt, d.h. ohne Nutzbarkeit der Entwässerung. Im Bereich von Einfamilienhäusern ist die Bauzeit noch deutlich kürzer. Damit der Bauablauf eingehalten wird, ist die Planung und Organisation der Maßnahme von entscheidender Bedeutung.

Fortsetzung folgt… Teil 3: Wie sieht es eigentlich in Deutschland aus?

Im dritten und letzten Teil der Artikelserie wird der Blick auf Deutschland geworfen: Wie ist der Stand bei der Sanierung von Abwasserleitungen innerhalb von Gebäuden? Welche technischen Besonderheiten sind zu beachten? Welche bautechnischen Regeln sind einzuhalten? Welche zugelassenen Sanierungsmöglichkeiten sind verfügbar?